Hartz und herzlich

Shock – “Hartz und herzlich” bedient lediglich den nackten Voyeurismus

Geburten, Todesfälle und viel Elend: RTL2 feiert nach 700 “Hartz und herzlich”-Folgen zehnjähriges Jubiläum. Der Sender präsentiert dabei sozial Schwache voyeuristisch in jeder Lebenslage, die Hintergründe bleiben unbeleuchtet.

“Ich habe in einem Callcenter gearbeitet”, erklärt Sabine aus Düsseldorf-Garath. “Das war auch Telefonsex.” Die Mittfünfzigerin hat nämlich keinen Schulabschluss und auch keine andere Ausbildung. Dann erzählt sie bei “Hartz und herzlich” von ihrem männlichen Kundenstamm. “Die kamen oft aus der Kneipe und waren ein bisschen einsam. Voll besoffen. Das waren uns die liebsten. Die sind dann oft eingeschlafen.”

Roger hat ähnliche schräge Erfahrungen gemacht, als er eine Weile in einem Sexshop tätig war. “Das waren komische Typen”, erinnert er sich. Jens sieht die Dinge eher pragmatisch: “Was soll man da sagen: Geld ist rund”, erklärt er achselzuckend in die Kamera. Soll heißen: Hauptsache, es kommt etwas Mammon rein.

Jubiläum

“Hartz und herzlich”: Leute, die sonst übersehen werden?

Die Serie “Hartz und herzlich” feiert Zehnjähriges. Grund genug, den Protagonisten noch mal einen Besuch abzustatten und die besten Szenen Revue passieren zu lassen. Die Sozial-Doku kann auf 700 Folgen und über 37.000 Sendeminuten zurückblicken. Rund 500 Menschen wurden dabei in 20 Städten mit der Kamera begleitet – und RTL2 hat immer voll draufgehalten. Bei einem Dutzend Hochzeiten, aber auch im Kreißsaal bei immerhin 14 Geburten.

Der Sender meint, er habe “einen Film über Leute gemacht, die sonst gerne übersehen werden”. Dabei müsse sich “hier keiner verstecken”. Tatsächlich klagt ein Sozialhilfeempfänger in der Jubiläumsfolge, es sei “schlecht, dass man als typischer Hartzer abgestempelt” werde. Macht “Hartz und herzlich” aber nicht alles noch schlimmer?

“Andere verdienen sich dumm und dämlich”

Die Protagonisten fühlen sich als “Promis”. Manche haben sogar kleine Fanclubs. Etwa Jonas. Der junge Mann hatte vom Sicherheitsdienst auf Rettungsschwimmer umgesattelt. Das ist mit Blick auf seinen Ausgangspunkt eine Traumkarriere. Nun bekommt er von Dennis Besuch. Dennis ist ein Fan der Serie über die Bewohner der Benz-Baracken in Mannheim. Dennis war mal Soldat in Berlin, erzählt er. Aber er habe keine Lust auf “Schraubenzählen” gehabt und wollte sich von keinem “Anzugfuzzi” etwas sagen lassen. Also habe er sich bei der Bundeswehr selbst entlassen, fügt er an.

Jonas muss grinsen, als Dennis ihm von seinem neuen Business-Plan erzählt. Auf OnlyFans will sich Dennis entblößen. “Andere verdienen sich da dumm und dämlich.” Er habe schon einige Komplimente für sein Gemächt erhalten. Detailliert erklärt er, wie er seinen Unterleib präsentieren will. Dennis’ Fazit: “Ich kann nur Gutes von mir behaupten und sehe das als Chance, mir etwas aufzubauen.”

Vielleicht müsste RTL2 die Leute vor sich selbst schützen

Offenbar möchte Ex-Soldat Dennis mit seinem Auftritt bei “Hartz und herzlich” etwas Aufmerksamkeit auf sich lenken. Vielleicht sollte man einfach nur viel Mitleid mit ihm haben. Vielleicht müsste der Sender aber auch Leute wie Dennis vor sich selbst schützen.

Frauentreffen
In Mannheim ist die Triererin Valeska (rechts) zu Gast. Die 38-Jährige trifft auf Zwillingsmama Janine.RTL2-Screenshot

Was würde Dennis nicht alles dafür geben, so berühmt wie Dagmar zu werden! Die von vielen Mitbewohnern als “Mutter Teresa der Benz-Baracken” gefeierte Frau, flüchtete 1987 aus der DDR und landete in Mannheim. RTL2 stellt ihre besten Zitate und Augenblicke für die Jubiläumsshow noch einmal zusammen. Dazu gehören offenbar Sätze wie “Ich sehe aus wie ein aufgeplatztes Polstermöbel.” Oder: “Es ist egal, ob ich berühmt bin. Ich bin und bleibe so ein Arschloch, wie ich vorher war.” Und auch: “Ich frage mich wirklich, warum ich so eine große Klappe habe.”

Die Antwort blieb Dagmar schuldig. Im November 2021 starb sie. Der Sender filmte die Beerdigung. Ihr Haus ist mittlerweile abgerissen, weil die Baracken als nicht mehr sanierungsfähig galten. Sie starb mit 67 Jahren. Die Berühmtheit war kurz. Sozialschwache sterben früher als der Durchschnitt.

“Hartz und herzlich” bedient lediglich den nackten Voyeurismus

Die Film-Doku hält keine Antworten parat, keine Lösungen, schafft es nicht mal, richtige und gute Fragen aufzuwerfen. Es heißt, wer kein Geld hat, muss kreativ sein. Also rollen die Hartzer ihren Teig mit einer Flasche, weil es kein Nudelholz gibt, hängen eine Einkaufstasche mit Lebensmitteln aus dem Fenster, weil es keinen Kühlschrank gibt, und kochen mit Gas und sitzen in dunklen Zimmern, weil die Stromrechnung nicht bezahlt war. Die Realität ist ein hartes Brot.

RTL2 ordnet das Elend in Bildern aber nicht ein, sondern bedient lediglich den nackten Voyeurismus. Die Zuschauer dürfen sich wahlweise gruseln, abwenden oder sich über jene erhaben fühlen, die sie von RTL vorgeführt bekommen. Die Frage nach dem Warum bleibt in 700 Folgen offen.

 

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