Nord-Nord-Mord-Star Victoria Trauttmansdorff: „Im Osnabrücker Rathaus hängt mein Urahn in Öl“
Die „Nord Nord Mord“-Schauspielerin Victoria Trauttmansdorff stammt aus dem Hochadel. Ihre Vorfahren waren beim Westfälischen Frieden dabei, haben gegen Hitler gekämpft und sogar einem Dessert ihren Namen gegeben. Ein Gespräch über die Familiengeschichte der Trauttmansdorffs.
Der neue „Nord Nord Mord“-Krimi beginnt mit Zank. Tabea Krawinkel will zum Tangoabend nach Westerland. Sievers hat keine Lust und tut so, als wäre sein Fahrrad kaputt. Und welchen Mörder der Sylter Kommissar danach auch stellen wird – Tabeas Fall ist wieder mal Sievers selbst. Seit acht Jahren schon kümmert sie sich um den Ermittler, erst als Inseltherapeutin, inzwischen als Partnerin.
Die Schauspielerin hinter Tabea heißt Victoria Trauttmansdorff. Zumindest im Abspann. Ursprünglich gehörte mal ein Adelstitel in den Namen der 65-Jährigen. Als Spross der von Trauttmansdorffs hat der Star des Hamburger Thalia-Theaters eine bewegte Familiengeschichte. Wir haben mit ihr darüber gesprochen. („Nord Nord Mord: Sievers und der letzte Tango“ läuft am Montag, 16. März, um 20.15 Uhr im ZDF.)
Wie Victoria Trauttmansdorffs Urahn in Osnabrück den Westfälischen Frieden aushandelte
Frau Trauttmansdorff, eigentlich heißen Sie „von“ Trauttmansdorff und wenn Sie mögen, würde ich gern über den steirischen Uradel sprechen.
Na klar, sehr gern. Einer meiner Vorfahren könnte Sie vielleicht wirklich interessieren: Maximilian von und zu Trauttmansdorff – der hat den Westfälischen Frieden ausgehandelt. Im Osnabrücker Rathaus hängt deshalb noch ein Ölgemälde mit seinem Porträt. Ich habe es mir mal mit meinem Vater angesehen.
Ihr Urahn hat den Westfälischen Frieden ausgehandelt?
Er war der bevollmächtigte Gesandte des Kaisers und hatte Unterschriftsrecht und muss ein lustiger Österreicher gewesen sein, ein Steirer eben, genau wie Sie sagen. Mit ein bisschen Alkohol und viel Zuspruch hat er diese seit Jahrzehnten verfeindeten, blutrünstigen Krieger 1648 dazu gebracht, den Dreißigjährigen Krieg zu beenden. Er selbst musste allerdings vorzeitig abreisen, weil er die Gicht hatte. Der Wein und das gute Essen waren wohl zu viel. Aber es stimmt. Sie können es nachlesen.
Gelesen habe ich, dass ein Trauttmansdorff am Sturz Wallensteins beteiligt war. Hatte schon mal jemand die Idee, Sie Schillers „Wallenstein“ spielen zu lassen?
Das ist derselbe! „Wallenstein“ habe ich nie gespielt, aber in Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ war ich mal die stumme Kattrin. Auf der Bühne habe ich ein Buch über den Dreißigjährigen Krieg gelesen. Demnach haben die Trauttmansdorffs sich damals wohl auch bereichert. Wallenstein zu entmachten, lohnte sich finanziell. Sie konnten sich mehrere Güter im heutigen Tschechien aneignen. Aber wenigstens beim Westfälischen Frieden hat einer dann gute Arbeit geleistet.
Wie Victoria Trauttmansdorff die Jugend mit dem großen Namen erlebte
Sie können Ihre Familiengeschichte in Geschichtsbüchern nachlesen. Ist das so toll, wie man sich das vorstellt?
Mein Vater hat sich stark über die Geschichte der Familie definiert. Ich dagegen war eher „anti“. Mein Interesse kommt jetzt erst. Golo Mann – der Historiker, Thomas Manns Sohn – hat relativ viel dazu geschrieben. Er beschreibt diesen Ahn eigentlich als leutseligen und ganz sympathischen Typen.
Warum waren Sie „anti“? War das „von“ in Ihrer Teenagerzeit eine Belastung?
„Von“ heißen wir ja gar nicht mehr. Der Adel ist in Österreich abgeschafft. In Wien kannten früher trotzdem viele den Namen. Die Trauttmansdorffs waren unter den Habsburgern eine mächtige Familie. Man wurde oft drauf angesprochen und in der Schule auch gehänselt, besonders in der Schauspielschule. In den 80ern galt der Adel da nicht viel. Aber natürlich hatte ich auch wahnsinnig viele Vorteile. Ich bin kein Opfer.
Das war natürlich schon ein sehr elitärer Kreis, in dem ich da großgeworden bin. Nicht nur die Trauttmansdorffs. Jeder kannte jeden und die meisten halfen sich auch gegenseitig. Wir waren nicht reich, aber wir hatten ein unfassbar gutes Leben.
Warum Victoria Trauttmansdorffs Großonkel von den Nazis ermordet wurde
Es gibt doch sogar eine Burg Trauttmansdorff. Gehört die Ihnen gar nicht? Sollte sie Ihnen gehören?
Wir sind eine große Familie und mein Großvater väterlicherseits war pragmatisch. Er hat ein Palais am Wiener Ring geerbt und es gleich verkauft. Braucht man nicht, dachte er. Eine Wohnung reicht. Als Hitler nach Wien kam, ist mein Großvater mit einem Freund vor dessen Hotel auf und ab gefahren – mit dem Hakenkreuz über dem Auspuff statt oben am Auto. Daraufhin wurde er verhaftet. Dann ist seinem Bruder eingefallen, dass er so einem Wiener Ober-Nazi eine Wohnung geborgt hatte, umsonst. Der hat ihn aus dem Gefängnis rausgeholt. Mein Großvater war Anwalt und beim Militär als Richter tätig und offenbar ist es ihm gelungen, nie ein Todesurteil zu unterschreiben und damit wirklich die Leute zu retten. Er war ein recht mutiger Mensch. Seinen Bruder haben die Nazis dann noch umgebracht, einen Tag bevor die Russen einmarschiert sind. Der hatte einen eigenen Widerstandskreis mitgegründet.
Hat Ihre Familie nur Helden hervorgebracht oder auch Verbrecher?
Bestimmt beides. In der Nazi-Zeit waren aber, soweit ich weiß, keine ganz Argen dabei. Sie waren natürlich auch keine Linken. Es waren halt Monarchisten. Hitler war ihnen zu ordinär.
Süßspeisen, Schlösser, Rouladen: Was noch alles Trauttmansdorff heißt
Es gibt ein Dessert, das Ihren Namen trägt: Reis Trauttmansdorff. Ist das gut?
Es ist im Grunde nur so ein fluffiger Milchreis mit Schlagobers, also Sahne. Dazu isst man Himbeeren. Angeblich ist es aus der Not entstanden. Auf irgendeinem Gut kam überraschend Besuch, und die Köchin hat aus Resten dieses Dessert gezaubert. Meine Mutter hat es früher manchmal gemacht. Ich selbst noch nie.
Einen Ort mit dem Namen Trauttmansdorff gibt es auch.
Sogar mehrere, in der Steiermark und in Niederösterreich. Und in Meran gibt es das Schloss Trauttmansdorff, das dem Land Südtirol gehört. Sie haben da wunderschöne Gärten angelegt. Alles ist voller Touristen und alles heißt dort Trauttmansdorff: die Gärten Trauttmansdorff, das Trauttmansdorff-Eis und sogar die Trauttmansdorff-Rinderroulade. Man kennt uns dort für alles.
Wie Victoria Trauttmansdorf die „Nord Nord Mord“-Drehs auf Sylt erlebt
Fernsehzuschauer kennen Sie aus den „Nord Nord Mord“-Krimis, die auf Sylt spielen, der Heimat des Geldadels. Sind das Leute, auf die Sie als richtige Adlige herabblicken?
Oho, das ist eine gefährliche Frage. Sie meinen wahrscheinlich: Als Adlige, die selbst nichts hat, gucke ich zwar neidisch auf den Geldadel, das aber trotzdem von oben herab. Klingt plausibel, ist aber trotzdem falsch. Sylt ist ein merkwürdiger Ort – weil jeder Quadratmillimeter dieser Insel so viel wert ist. Aber ich würde nie etwas Negatives über Sylt sagen. Und ich schaue auf niemanden herab. Vor allem nicht auf die echten Sylter.
Am Ellenbogen in List. Und ich finde auch Hörnum irrsinnig schön. Westerland ist touristisch, das haben sie in den 70er-Jahren ein bisschen verschandelt. Aber der Ort steht dazu, und dadurch hat es was Ehrliches. Und das finde ich dann auch sehr sympathisch.
Ist eine feste Rolle in „Nord Nord Mord“ besser als ein „Tatort“-Engagement, schon wegen der Nordsee?
Eine „Tatort“-Rolle wurde mir ja noch nie angeboten. Im Kieler „Tatort“ war ich mal die tschechische Haushälterin von Kommissar Borowski: Alma Kovacz, sehr lustig. Die Rolle sollte ausgebaut werden. Aber dann hat Axel Milberg aufgehört.
Stattdessen spielen Sie in „Nord Nord Mord“ die Therapeutin Tabea Krawinkel. Wäre die Klientin einer Therapeutin schauspielerisch interessanter – wegen der Gefühlsausbrüche?
Witzigerweise spiele ich öfter Therapeutinnen. In Tom Tykwers Kinofilm „Licht“ bin ich auch eine. Obwohl ich selber noch nie eine Therapie gemacht habe.
Für die Krimis ist sowieso wichtiger, dass Sie Kommissar Sievers’ Freundin sind.
Und wie nah die beiden sich wirklich kommen, erfährt man dann nicht mal. Vielleicht ist das die Qualität, dass man es nie genau zeigt. Was mir am besten gefällt: Da wird ein älteres Paar gezeigt, das immer noch flirty ist und frotzelt. Sie sind kein Traumpaar, aber sie stecken auch nicht in Routinen. Das erwartet man doch von älteren Leuten, oder? Und diese beiden, die sind einfach noch – lebendig!









