Eine Touristin hat sich in ihrer Ferienwohnung erhängt. So der erste Befund. Der nach einer Neuseelandreise heimgekehrte Inselarchivar Tom Mendt (Heino Ferch) hat die Leiche entdeckt.
Doch der Schein trügt (und der Zuschauer weiß es von Anfang an): Ein Killer (Karsten Antonio Mielke) geht um auf Öd. Über eine verschlüsselte Notiz auf der Visitenkarte der Toten werden Dorfpolizist Klaus Hansen (Max Hubacher) und Maja Stein (Paula Kalenberg), seine Kollegin aus Hamburg, die noch weitere sechs Monate auf der Insel aushalten muss, auf ein abgelegenes Haus aufmerksam. Hier trifft Stein auf Azra (Şafak Şengül), eine alte Bekannte aus der Zeit der Ausbildung.
Sie und ihr Kollege (Ulrich Brandhoff) sind Schutzbeamte für eine junge Frau, die als Kronzeugin in einem Prozess gegen einen berüchtigten Kopf eines Menschenhändlerrings aussagen soll. Auf diese Person, Katharina Jürgens (Marie Hacke), hat es der Killer abgesehen.
Der bekommt alsbald noch Verstärkung (Yasin El Harrouk), und damit gar nichts schiefgehen kann, haben die beiden auch noch das Hauptstromkabel vom Festland gekappt. Das Safe House ist ihnen bekannt. Und so machen sie sich mit ihrem schallgedämpften Werkzeug an die Arbeit.
Foto: RTL+In den ersten Filmminuten von „Ödkieker“, dem dritten Film aus der RTL-Krimireihe „Morden auf Öd“, geht alles seinen verspielt insulanerischen Gang. Zwar hat sich das ungleiche Ermittlerpärchen gegenseitig schon mal das Leben gerettet, die Kommunikation der beiden bleibt dennoch sparsam bis ambivalent. Man bewirft sich mit Öder und chinesischen Sprichwörtern, neckt sich, verarscht sich.
Ganz köstlich auch die Szene, in der sich Stein mal eben telefonisch um drei Dienstgrade nach oben befördern und sich so ihren verlängerten beruflichen Aufenthalt auf Öd fürstlich belohnen lässt.
Auch der titelgebende Ödkieker kommt früh ins Spiel. Für die Hamburgerin ist es eine sinnlose Seltsamkeit mehr, die ihr auf dieser Insel begegnet. Für Hansen, der „das versteinerte Wal-Ding“ der Kollegin zum vermeintlichen Abschied geschenkt hat, ist es dagegen ein Präsent von symbolischem Wert, wie sich später herausstellen wird.
Dieser Ödkieker ist also eine Beziehungsmetapher. Dieses Dings besitzt aber auch einen Bezug zur Krimihandlung. Es soll den Besitzer beschützen und ist wie die Form andeutet eine Art „Rettungsring“ für den Beschenkten.
Was bedeutet es nun aber, dass Stein den Ödkieker an Hansen zurückgibt? In brenzlige Lagen jedenfalls kommen beide, und auch die Kronzeugin könnte durchaus einen Schutzengel gebrauchen.
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In „Ödkieker“, stimmungsvoll und stimmig von Ole Zapatka inszeniert, erinnert einiges an die legendären norddeutschen TV-Thriller, die Holger Karsten Schmidt, Anfang der 2010er Jahre für das ZDF geschrieben hat. Auch in den vier Finn-Zehender-Fällen fällt das Verbrechen in die Provinz ein und vor allem im Grimme-Preis-gekrönten „Mörder auf Amrum“ (2009) wimmelt es nur so von Auftragsmördern. Immer mal wieder schauen diese finsteren Gesellen auch in der ARD-Reihe „Nord bei Nordwest“ vorbei, die Schmidt erfand und von dessen 29 ausgestrahlten Episoden er für 17 das Drehbuch schrieb. Dagegen wirken die Hitmen, die einen Job auf Öd haben, zwischenzeitlich geradezu menschlich; es sind keine Killermaschinen, sie wollen einfach ihren Auftrag sauber erledigen. Fehler sind dabei nicht ausgeschlossen; man kennt’s von den US-amerikanischen Vorbildern. So haben die beiden Ersten Polizeihauptkommissare, die in Uniform ihren Dienst tun und deshalb gern mal unterschätzt werden, zumindest theoretisch eine Chance gegen die Profikiller. Zudem werden sie – wie weiland im „Amrum“-Thriller – unterstützt von einer Art Hilfssheriff. Heino Ferchs Inselarchivar kennt sich nicht nur mit der Öder Historie, sondern auch mit Feuerwaffen aus. Die beiden LKA-Beamten vom Zeugenschutz sind dagegen aus unterschiedlichen Gründen bald keine Hilfe mehr.
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Dem Genre gemäß lebt „Ödkieker“ vor allem von der Spannung. Kein Strom, kein Handy-Empfang, lange Zeit null Kontakt zwischen Hansen und Stein. Und immer wieder gibt es diese typischen Thriller-Szenen, bei denen der Zuschauer einen Informationsvorsprung hat: Eine Frau allein im Safe House, das seinem Namen keine Ehre macht, da sich die Aufpasser auf „Kontrollgang“ befinden; einer der Killer nimmt die Fährte auf, kommt der Frau näher, ist bereits im Nebenraum, da klopft plötzlich Klaus Hansen an die Haustür, völlig ahnungslos. Kann der eine Hilfe sein oder wird sich der zweite Killer um ihn kümmern? Der Kopf müsste beim Zuschauen Entwarnung geben: Es handelt sich hier schließlich um einen Reihen-Krimi – und da ist kaum anzunehmen, dass eine der Hauptcharaktere oder eine zentrale Episodenfigur wie hier die Kronzeugin geopfert werden dürfte. Trotzdem: Der Bauch reagiert anders; man fiebert mit. Und es wird weitere Spannungs-Szenen geben. Besonders emotional gerät der Showdown in einer stillgelegten Fabrik. Der funktioniert doppelt gut. Da ist zum einen die finale Action und zum anderen die Emotion, das Mitgefühl, gepaart mit einem Schuss Komik. Vorbereitet wird das bereits in der Szene zuvor, in der Stein der Kronzeugin erklärt, wie man mit einer Pistole umgeht: „Sie halten die Mündung einfach auf das, was Sie treffen wollen und drücken ab. Wenn Sie das erste Mal nicht getroffen haben, dann ist das kein Problem, Sie drücken einfach weiter ab. Sie haben sechs Schuss.“ Jürgens: „Und dann?“ Stein: „Dann wäre es schon gut, wenn Sie getroffen hätten.“
Der Krimi-Boom bringt es mit sich, dass man als Zuschauer immer öfter das Gefühl hat, alles schon x-mal gesehen zu haben. Das gilt besonders für die dramaturgischen Muster einer Reihe; denn die sind nun mal begrenzt.
Am besten lässt sich das Problem lösen mit dichten, individuellen Charakteren und einer speziellen Form von Interaktion, einer besonderen Beziehungsstruktur. Keiner im deutschen Genre-Fernsehen weiß das so gut wie Holger Karsten Schmidt. Bei dem Zweier-Modell von „Morden auf Öd“ könnte es allerdings mittelfristig Probleme geben, eher als bei den triadischen Formaten wie „Nord bei Nordwest“ oder „Nord bei Nordost“.
Ein guter Schachzug war schon mal die Einführung von Ferchs Tom Mendt, der weiterhin eine Art Vermittlerrolle spielen könnte, ohne zu direkt die Zweierbeziehung zu beeinflussen.
Diese lebt natürlich in besonderem Maße von der Besetzung – und die ist mit Paula Kalenberg und Max Hubacher vorzüglich. Ein Problem könnte auch dieser (zwar optisch sehr reizvolle) Miniatur-Schauplatz werden.
Das fiktive Schwanitz aus „Nord bei Nordwest“ wirkt jedenfalls um einiges größer als das ebenso erfundene Öd, welches somit eine geringere Variationsbreite an stimmigen Mordfällen anbietet. Und ständig Killer vom Festland zu ordern, ist auch keine glaubwürdige Lösung. Da ist auf jeden Fall Fantasie gefragt.
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