Hellwach im schönsten Chaos: Marleen Lohse über Musik, Mutterschaft und den Löwenmut, auf die Bühne zu gehen
Marleen Lohse hat gerade viel gleichzeitig am Laufen – und lacht selbst ein wenig darüber. Kinofilme, Serien, Hörspiele, Drehbücher, Familie, Touren. Im Herbst 2025 supportete sie Philipp Poisel, nun erscheint auch noch ihr erstes eigenes Album Wide Awake samt anstehender Tour.
Wie man das alles unter einen Hut bekommt? „So ein bisschen frage ich mich das auch“, sagt sie lachend.
Viele der Projekte, erklärt Marleen Lohse (bekannt durch den ARD Krimi “Nord bei Nordwest”), seien über Jahre gewachsen. Das Drehbuch, an dem sie beteiligt war, habe mehr als ein Jahrzehnt gebraucht, auch das Album sei ein Langzeitprozess gewesen.
„Und dann musste alles im gleichen Monat stattfinden. Das ist dann so ein bisschen Murphys Law.“ Turbulent sei das Jahr gewesen – gut zu managen, aber: „Nach der Tour freue ich mich ehrlich gesagt auch auf ein bisschen ruhigere Zeiten.“
Musik war immer da
Die Musik begleitet Marleen Lohse schon lange, lange bevor sie sich traute, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Gitarre spielt sie seit Kindertagen, Songs entstanden zunächst ganz für sich. Auch ihre vielzitierte Australienreise – von ihr selbst augenzwinkernd einmal als „Hippie-Reise“ bezeichnet – war nicht der Anfang, sondern eher eine Station. „Ich hatte da schon Lieder im Kopf“, erzählt sie. Einen Song habe sie dort aufgenommen, allerdings ein Cover.
Der entscheidende Schritt kam etwas später, um 2010, als sie in Berlin den Gitarristen Julius Hartog kennenlernte. Gemeinsam begannen sie, eigene Texte zu schreiben. „Aber der Schritt in die Öffentlichkeit – der hat irgendwie erst jetzt geklappt. Oder ich habe mich erst jetzt richtig getraut.“
Wide Awake: Zwischen Müdigkeit und Klarheit
Der Albumtitel „Wide Awake“ ist doppeldeutig – und sehr persönlich. Als Lohse gemeinsam mit Produzent Andi Fins mit dem Schreiben begann, erfuhr sie, dass sie schwanger war. „Und da ist man ja generell immer ein bisschen müde. Bei mir auf jeden Fall.“ Nach der Geburt wurde Schlaf ohnehin zur Mangelware. Die Studiozeit erlebte sie entsprechend „leicht im Delirium und immer ein bisschen übermüdet“.
Gleichzeitig war das Album ein Halt. „Ich bin wahnsinnig gerne ins Studio gefahren. Ich hatte meinen Sohn auch manchmal mit dabei – das war eine ganz schöne Zeit.“
Auf der zweiten Ebene meint hellwach etwas Übertragenes: Klarer sehen, Prioritäten neu ordnen, Überzeugungen hinterfragen. „Was ist wichtig, was hat Bedeutung – und was kann vielleicht auch aussortiert werden?“ Diese Neuausrichtung, sagt Marleen Lohse, habe ihr sehr gutgetan.
Der Titelsong Wide Awake ist ihrem Sohn gewidmet. Viele der anderen Stücke kreisen ebenfalls um Übergänge, um Zeit, um Vergänglichkeit.
„Laterland“ etwa handelt von aufgeschobenen Momenten und verpassten Gelegenheiten. „Dieses Bewusstsein, dass Dinge vorbeigehen – das ist mir in der Mutterschaft nochmal viel deutlicher geworden. Zeit hat für mich eine ganz andere Bedeutung bekommen.“
Englisch, Deutsch – und die erste Tour
Bis auf einen Song singt Marleen Lohse auf Englisch. Die Sprache sei für sie zunächst melodiöser gewesen, auch ein kleiner Umweg. „Bei deutschen Texten höre ich immer sehr genau hin.“ Der einzige deutsche Song, für ihren Sohn geschrieben, entstand dagegen spontan – innerhalb einer halben Stunde.
Die Version auf dem Album ist die allererste Aufnahme, mit dem iPhone aufgenommen, inklusive leisem Quieken im Hintergrund.
„Das ist ein Lied für ihn. Auf Deutsch, damit er es versteht.“ Dieses Lied habe etwas geöffnet, sagt sie. Auf der Tour wird es bereits einen neuen deutschen Song geben. „Vielleicht spielen wir den Song da zum ersten Mal.“
Vorbilder, Vorfreude und Löwenmut
Musikalisch geprägt haben sie viele – allen voran Feist. „Schon immer, seit der ersten Stunde.“ Auch Florence Welch von Florence and the Machine nennt sie mit leuchtenden Augen. Dass sie Karten für ein Konzert hat, macht sie hörbar glücklich.
Und wie sieht sie ihr Musikprojekt selbst? Hobby oder zweite Karriere? Marleen Lohse zögert. Sie wolle es nicht in eine Box packen. Auf der Bühne zu stehen, kennt sie als Schauspielerin – aber musikalisch sei sie „auf einer anderen Ebene angreifbar“. Vielleicht habe sie deshalb so lange gezögert.
Die ersten Konzerte, vor allem mit Philipp Poisel, hätten ihr jedoch gezeigt, wie schön es sein kann, gehört zu werden.
Über Weihnachten sah sie eine Dokumentation über Hildegard Knef. Ein Satz blieb hängen: Man brauche Löwenmut, um auf die Bühne zu gehen. „Und den versuche ich gerade noch ein bisschen zu kanalisieren“, sagt Marleen Lohse lachend.
Und jetzt kann sie auch noch singen
Ein Kritiker schrieb kürzlich: „Und jetzt kann sie auch noch singen.“ Ein Satz, der lange Teil ihrer eigenen Angst war.
„Dieses ‚Jetzt singt sie auch noch‘“, sagt Marleen Lohse, habe sie beschäftigt. Umso mehr habe sie sich über die positive Kritik gefreut.
„Wie schade wäre es gewesen, am Ende zu sagen: Ich hätte fast ein Album gemacht – aber ich hatte Angst.“ Zum Glück hat sie sich getraut. Und klingt dabei erstaunlich hellwach.









